Veeter Lehmjöres

Regimentsschreiber Franz Willi Hirtz schreibt in dieser Humoreske über die Entstehung des Ausdrucks “Vichter Lehmjöres”. Er versucht in diesem Text einem aus Köln zugezogenen Kollegen zu erläutern, warum sich die “Veeter” als “Lehmjöres” bezeichnen. Viel Vergnügen!

“D´R Lehmjöres” wer war das eigentlich??

“Saren´se mir doch emal, worum m´r Vichter Lück eijentlich Lehmjöres nennt”? So fragte mich vor einiger Zeit einmal ein aus Köln zugezogener Kollege, der sich mit der Historie seiner neuen Heimat vertraut machen wollte. Irgendwo in einer Geschichte war ihm “der Lehmjöres begegnet”. In feinstem Vichter-Hochdeutsch, des besseren Verständnisses wegen bemüht, etwas Kölnischen Akzent einzubauen, mußte ich gestehen: “Datt weijß ich och nidd´esu jenau, ävver…”

Nun entwickelte sich ein längeres Gespräch, daß wir am Abend bei einem Gläschen Wein fortsetzten. Ich versuchte ihm zu erklären, was es mit dem Lehmjöres auf sich hat. Dabei betonte ich ausdrücklich, daß meine Ausführungen nicht auf Wissen beruhen würden, vielmehr Vermutungen seien – und ich infolgedessen hauptsächlich im Konjunktiv erzählen müsse.
Also, das war so, began ich. Jeder Vichter kennt den Lehmjöres dem Namen nach und läßt sich auch, ohne größere Gegenwehr zu leisten, jederzeit so nennen. Voraussetzung: man ist in Vicht geboren. In vielen Schriftstücken, Geschichten und Gedichten wird der Lehmjöres erwähnt und selbst über die Grenzen unseres Heimatsortes hinausist er bestens bekannt. Wer aber war dieser Lehmjöres? Ein Mensch? Ein Fabelwesen? Quasi ein Rübezahl des Vichtbachtales? Die Antwort ist ebenso einfach wie traurig: Wir wissen es nicht! Kein Geschichtsband und keine Chronik geben Zeugnis von seiner Existenz. Kein Standesamt stellte je eine Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunde aus und auch in den kirchlichen Taufregistern sucht man seinen Namen vergeblich. Und doch, es muß ihn gegeben haben. Wie kämen wir sonst zu seinem Namen.

Da haben die Gressenicher mit ihrem “Bessemskriemer”, die Büsbacher mit dem “Barescheßer”, die Zweifaller “Eeschekülle”, die Stolberger “Latzesecker”, die Donnerberger “Wenkbülle” oder die MAusbacher “Wölleklös” wesentlich einfacher. Die Bedeutung ihrer Beinamen ist historisch geklärt und einwandfrei dokumentiert.
Einzig geklärt scheind die Frage nach dem Geschlecht des Lehmjöres, denn das vorgesetzte “d´r” mundartlich für “der” weist prädikativ einen Mann aus. Damit hat es sich aber auch schon mit unserem Wissen. Alles folgende ist Spekulation und Vermutung.
Woher kam der Lehmjöres überhaupt? Wo wohnte er? Wie bestritt er seinen Lebensunterhalt? Fragen über Fragen, auf die es bis heute, und ich befürchte auch in Zukunft, keine schlüssigen Antworten geben wird.

Es gibt viele Versionen über die Existenz und Herkunft des Namens Lehmjöres. Eine davon ist, daß der Name Lehmjöres zumindest der zweite Wortteil “jöres”, ein uralter Familienname sei, der sich im Lauf der Jahre in den Namen “Jörres” gewandelt habe. Denkbar? Tatsächlich ist der Name Jörres weit verbreitet, aber ich halte diese Interpretation entgegen , daß es in Vicht, zumindest laut Telefonbuch, nur eine Familie “Jörres” gibt, hingegen in Mausbach gleich sechs Familien mit gleichem Namen. Spinnt man den Faden weiter und stellt fest, daß es in Mausbach mit dem Lehmkaulweg oder auch der “Lehmkaul” bezeichnender Weise noch heute Straßenbezeichnungen gibt, die auch dem ersten Wortteil von Lehmjöres gleichen, muß man zun dem Schluß kommen, daß … Nein, nein und nochmals nein! Lehmjöres war nie und nimmer ein Mausbacher. “Doh häs´de sischerlich rääsch”, stimmte mein Gegenüber mir zu. Möglich ist natürlich, setzte ich die Unterhaltung fort, daß der Lehmjöres in Wöleklösien geboren wurde und – nachdem die Mausbacher nicht mehr gefallen an den reifen Stangenbohnen, nämlich Wölleklös gefunden hatten – sie den Lehmjöres nach Vicht abschoben. Wenn diese Version zutreffen würde, wäre der Lehmjöres der erste Asylant deutscher Geschichtsschreibung gewesen. Das die Vichter ihn aufnahmen, ihm Heimat boten zeichnet sie aus.
Ein neuer Hoffnungsschimmer war dann Ende der 80-iger Jahre die Tatsache, daß Helmut Schreiber vom Chronikkreis der Pfargemeinde Vicht gelungen schien, den Lehmjöres zu forografieren. Das unglaubliche Foto verursachte großes Aufsehen und ist im Band 2 der Buchreihe “Vicht – Beitraäge zur Heimatgeschichte” zu bewundern. Bezweifeln möchte ich allerdings, ob man dieses Bild zur Identifizierung des Lehmjöres heranziehen kann. Zu markant sind die arg degenerativ wirkenden Körperteile. Zu kurze Arme, zu dicke Beine und vom Kopf ganz zu schweigen. Zudem behaupte ich, daß diese Kreatur keiner kriminaltechnischen Untersuchung standhalten würde, da sie deutliche Fingerabdrücke “ihres Schöpfers” tragen dürfte.

Nahtlos einreihen in die Rubrik “Ungeklärtes Schicksal Lehmjöres” kann man auch den Versuch unseres beliebten und leider viel zu früh verstorbenen Heimatdichters Andre´ Franzen. In seinem von Josef Hurtz vertonten berühmten Gedicht “Veeter Hemetledd”, ist er dem Lehjöres zwar dich auf der Spur, läßt uns jedoch völlig im Unklarenn über dessen Existenz und Herkunft. Er beschränkt sich in einem Vers lediglich auf den Hinweis:

“Us Lehm un Jöres, wie bekannt, es osse Nam enstange.
“Mer wäde övverall em Land als Lehmjöres empfange”.

“Dat is ja en Dinngen”, meint mein Kollege. “Izisch wiss´e mir jenau´esuvill, wie füerhins”. Die dritte Flasche Wein war geleert und spät in der Nacht verabschiedeten wir uns mit dem Versprechen, demnächst noch einmal über die Sache zu reden.
Über uns Vichter Lehmjörese steht jedoch eines zweifelsfrei fest:
Wir sind ein fröhliches, oftmals närrisches Völkschen und verstehen es, Feste zu feiern.
So auch die Karnevalsgesellschaft 1935 Vicht e.V., Närrische Lehmjörese, die den Namen Lehmjöres tief in unserem Bewußtsein verankern und ihm bei ihren vielen Auftritten außerhalb des Ortes Geltung verschaffen.
Die Frage seiner Existenz würde ich immer mit Ja beantworten.
Ja, er lebt! Ja, er ist mitten unter uns! Wieso ich mir da so sicher bin? Nun weil ich ihn jeden Tag sehe.